Zwischen Legenden und Lawinen: Der einzige Mann, der die heiligen Berge Bhutans besteigen darf – was für eine Jobbeschreibung! Phuntsho Tshering, der Hauptverantwortliche für Meteorologie und Hydrologie in Bhutan, wuchs in einem kleinen Dorf im östlichen Teil des Landes auf. Schon immer waren die majestätischen Gipfel vor seiner Haustür für ihn mehr als nur geographische Wahrzeichen: Wie für alle Bhutaner sind die Berge für ihn vor allem mystische Wesen, deren Geschichten er seit seiner Kindheit kennt. Diese Faszination ebnete ihm schließlich den Weg, Bhutans erster qualifizierter Gletscherforscher zu werden. Studiert hat er in Japan, im Laufe der Jahre hat ihm aber seine Erfahrung in den Bergen Bhutans mehr gelehrt als alles andere.
Was seinen Job so besonders macht? 1994 wurde das Bergsteigen oberhalb von 6.000 Höhenmetern vom bhutanischen Staat eigentlich gesetzlich verboten, da die einheimische Bevölkerung die Berggipfel als Wohnstätte von Geistern und Göttern ansieht. Phuntsho Tshering ist jetzt der einzige Mann, der diese Berge besteigen darf. Zu seinen Aufgaben zählt das Überwachen der Gletscher, die Installation von Frühwarnsystemen entlang der herabfließenden Flüsse und die Einrichtung von Sicherheitsevakuierungszonen.
Das alles ist nötig, um sogenannte Glacial Lake Outburst Floods (GLOFs) – zu Deutsch: Gletschersee-Ausbrüche – zu verhindern oder rechtzeitig zu erkennen. Die nördlichste Region von Bhutan ist eine unbewohnte Wildnis, die vom Menschen weitgehend unberührt ist. Das Risiko für solche GLOFs ist durch den Klimawandel rasant gestiegen und auch Bhutan, das einzige klimaneutrale Land der Erde, leidet unter dem Zurückgang der Gletscher.
Während Phuntsho Tsherings Einsatz ihn zu den entlegensten Ecken des Königreichs bringt, bedeutet das auch, dass er seine Familie kaum sieht – er durchquert raues Terrain und meistert die Herausforderungen einer sich schnell verändernden Umwelt. Seine Frau und seine beiden Töchter Yangchen und Lhazin kümmern sich in seiner Abwesenheit um den Haushalt. Die emotionale Belastung, von ihnen getrennt zu sein, ist immens – aber die Zukunft Bhutans ist auf seine Arbeit angewiesen. Ihm geht es nicht nur darum, die Schönheit der Berge zu bewahren, sondern auch darum, das Leben und den Lebensunterhalt derer zu sichern, die diese abgelegenen Gebiete ihr Zuhause nennen.